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Von oekonomie - Geschrieben am 31.03.2010, 11:53

So frech wie Gregor von Montelongo ist wohl kein Zweiter gewesen. Freilich hatten es auch andere mit dem Zölibat nicht so genau genommen. Bischof Heinrich von Basel zum Beispiel hinterließ bei seinem Tod im Jahre 1238 20 Kinder; beim Kollegen Heinrich von Lüttich, der 1281 starb, sollen es sogar 61 gewesen sein. Gregor von Montelongo aber, offensichtlich dem Humor zugeneigt, setzte sich über das Zölibat-Gesetz des Papstes auf ganz besondere Weise hinweg. “Si non caste tamen caute”, ließ der Oberhirte der Lombardei 1251 als Wahlspruch in sein Wappen setzen: „Wenn nicht keusch, so doch wenigstens vorsichtig.“

Bereits in den ersten Jahrhunderten hatte es zahlreiche Versuche gegeben, den Kirchenangehörigen den sexuellen Umgang zu verbieten. Im 4. Jahrhundert verlangte Kirchenvater Hieronymus, dass die Priester auf den Geschlechtsverkehr mit ihren Frauen verzichten sollten, und im selben Jahrhundert forderte die Synode im spanischen Elvira, jene Kleriker zu verjagen, die mit ihren Ehefrauen nicht enthaltsam lebten und Kinder zeugten.

1123 folgte den Forderungen das Verbot: Auf dem ersten Lateran-Konzil wurde Priestern der Umgang mit ihren Ehefrauen unter Strafe gestellt, ehe auf dem zweiten Lateran-Konzil (1139) das Zölibat-Gesetz eingeführt wurde, wonach es nur noch unverheiratete Priester geben durfte.

Die Idee der Enthaltsamkeit ist Jahrtausende alt, warum aber die Kirche aus der Idee ein Gesetz schuf, hat vermutlich andere, nämlich ökonomische, Gründe. Die Kirche hatte ein doppeltes Problem mit dem Nachwuchs. Erstens konnte kein Kirchenbesitz aufgebaut und zusammengehalten werden, wenn die Geistlichen Kinder hatten. Dann nämlich würde der Reichtum an die Kinder vererbt und damit in alle Richtungen verstreut. Nur die Kinderlosigkeit ihrer „Angestellten“ ermöglichte der katholischen Kirche, Besitztümer kaum vorstellbaren Ausmaßes anzuhäufen.

Zweitens: Die  Gesellschaft basierte auf dem Ständesystem. Der Sohn wurde, was der Vater war. Der Tischlersohn wurde Tischler, der Zimmermannssohn Zimmermann. Der Priestersohn wäre somit Priester geworden. Damit aber hätten die Kirchenoberen weniger Macht gehabt. Nicht sie hätten entschieden, wer in den erlauchten Kreis der Kleriker aufsteigt, vielmehr hätte der Priester und Vater seine „Arbeitsstelle“ dem Sohn vererbt. Eine Priesterkaste wäre entstanden, der es unter anderem darum gegangen wäre, Besitz und gesellschaftliche Stellung zu erlangen, um ihn dann an die eigenen Nachkommen weiterzugeben. Das konnte den Bischöfen und dem Papst nicht gefallen.

Hinzu kommt: Wer keine Familie hat, der ist leichter an eine Institution zu binden. Er hat mehr Zeit für seine Arbeit und ist im Streitfall einfacher zur Räson zubringen, weil ihm der Rückhalt der Familie fehlt. Man stelle sich einen Arbeitgeber vor, der seine Angestellten verpflichten könnte, sein Leben vollständig in den Dienst des Unternehmens zu stellen. Ein Traum - für den Arbeitgeber.

Das Zölibat also hat der katholischen Kirche Macht und Reichtum beschert. Und jede Menge Ärger. Neun von zehn Deutschensind der Ansicht, das Zölibat sei nicht mehr zeitgemäß und gehöre abgeschafft. Die jüngst ans Licht gekommenen Missbrauchsfälle haben die Zölibat-Debatte zusätzlich befeuert. Manche sehen einen Zusammenhang zwischen der Ehelosigkeit der Priester und dem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Kircheneinrichtungen.

Tatsächliche Kausalität oder haltloser Vorwurf? Zumindest vorstellbar, antwortet die Ökonomie. Die denkt gerne in Opportunitätskosten. Darunter versteht man, worauf der Mensch verzichten muss, wenn er sich für eine Sache entscheidet. Wer in den Sommerurlaub fährt, der wird eine schöne Zeit verbringen, aber er wird sich vielleicht kein neues Auto leisten können. Wer sich für ein Leben auf dem Land entscheidet, genießt die Ruhe, aber er verzichtet auf die kulturelle Vielfalt der Stadt. Von den Opportunitätskosten hängen unsere Entscheidungen ab. Ist das Auto kurz vor dem Kolbenfresser, wird der Sommerurlaub vielleicht ausfallen. Vermisst der aufs Land gezogene die Theaterbesuche, wird er eventuell wieder in die Stadt ziehen.

Wer Priester wird, hat hohe Opportunitätskosten. Seinem Arbeitgeber verspricht er, auf Familie und Sex zu verzichten. Bricht er das Versprechen, kann er Amt und Einkommen verlieren. Wem diese Kosten zu hoch sind, der wird nicht katholischer Priester.

Was aber bestimmt die Höhe der Opportunitätskosten? In früheren Zeiten war es der Wert einer heterosexuellen Beziehung. Darauf verzichtete, wer Priester wurde. Sie war die einzig akzeptierte Beziehungsform. Eine schwule Beziehung offen zu leben, war meist genauso unmöglich, wie pädophile Neigungen auszuleben. In beiden Fällen waren die Opportunitätskosten gering: Wer mit diesen Neigungen Priester wurde, musste wenig aufgeben.

Das Konstrukt von den Opportunitätskosten legt nahe, dass unter katholischen Priestern der Anteil Heterosexueller niedriger ist als im Durchschnitt der Bevölkerung. Es ist aber anzunehmen, dass der Anteil schwuler Priester aktuell abnimmt. Denn wo Schwule, ihre sexuelle Orientierung zunehmend offen leben können, steigen auch deren Opportunitätskosten für den Priesterberuf.

Freilich hängt die Berufswahl nicht ausschließlich an den Opportunitätskosten. Die Kosten sind nur die eine Seite. Die Entscheidung für oder gegen den Priesterberuf wird nicht nur davon bestimmt, worauf man verzichtet (Kosten), sondern auch von dem, was man gewinnt, den Vorteilen (Nutzen). Der Priesterberuf kann Genugtuung bringen, ein Leben, das man Gott widmet, kann ein erfülltes sein.

Aber warum den Priestern nicht frei stellen, wie sie leben möchten? Zumal es der Kirche an Nachwuchs mangelt. Zudem sind die ursprünglichen Gründe bei der Einführung des Zölibats nicht mehr vorhanden. Das Ständesystem gibt es nicht mehr. Und die Gefahr, dass der Reichtum der Kirche durch Vererbung verstreut wird, ist kaum mehr vorhanden: Priester und Bischöfe sind wie Angestellte, sie erhalten einen Lohn. Ob sie das Geld vollständig ausgeben oder einen Teil davon sparen und an ihre Kinder vererben, hat keinen Einfluss auf das Vermögen der Kirche.

Die katholische Kirche sollte dennoch besser nicht vom Zölibat lassen. Das zumindest ist der Ratschlag von vier Wissenschaftlern der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. Sie haben die Vor- und Nachteile, die das Zölibat für die katholische Kirche mit sich bringt, abgewogen. Ihr Fazit: Auf dem vielfältigen Markt der religiösen Angebote positioniert sich die katholische Kirche durch das Zölibat stark und eindeutig - und zwar als konservativ. Außerdem zieht sie durch das Zölibat nur jene potentiellen Priester an, die dieser konservativen Ausrichtung wohlgesonnen sind, was die Einheit der Kirche (und damit die Marke „Katholische Kirche“) stärkt.  Diese Positionierung erhöhe die Spendenbereitschaft unter den Gläubigen, so die Wissenschaftler.

Also alles lassen wie es ist? Paulus, dem Gründer der Kirche, wäre dies zu Beginn seiner Missionszeit wohl recht gewesen. Der Ehe schien er nicht sonderlich zugetan. „Ich wünschte, alle Menschen wären (unverheiratet) wie ich (Paulus)“, schreibt er im ersten Korinther-Brief. Seine Abneigung gegenüber der Ehe aber hatte vermutlich einen ganz speziellen Grund: Paulus war der Überzeugung, dass es gar keinen Sinn mehr mache, Kinder zu zeugen, da das Gottesreich kurz bevorstehe.

Als sich dieses Gottesreich dann doch nicht so schnell einstellen wollte, änderte sich auch seine Einstellung. Im ersten Brief an Timotheus schreibt Paulus, dass ein Bischof „ein guter Familienvater sein und seine Kinder zu Gehorsam und allem Anstand erziehen“ soll. Denn so folgert er: „Wer seinem eigenen Hauswesen nicht vorstehen kann, wie soll der für die Kirche Gottes sorgen?“

Es sieht so aus, als müsste sich die katholische Kirche entscheiden, ob sie den Worten Paulus oder einem erfolgreichen Marketingkonzept folgen will.

Von oekonomie - Geschrieben am 03.03.2010, 14:52

Alle Menschen sind ähnlich, jeder Mensch ist anders. Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte unterscheiden sich, in einem aber sind wir alle gleich: Wir wollen am Leben bleiben. Kaum eine Motivation ist stärker, als die zu überleben. Das gilt auch und gerade für Soldaten.

Seit es Kriege gibt, haben sich deshalb ihre Organisatoren darüber Gedanken machen müssen, wie es gelingt, dass ihre Soldaten kämpfen, statt zu fliehen. Wie bringt man jemanden dazu, sein Leben zu riskieren, anstatt Reißaus zu nehmen und sich in Sicherheit zu bringen?

Tapferkeitsorden wurden erfunden und Ideologien entwickelt, auf dass der Einzelne sich opfere, für die gute Sache, für sein Volk. Doch die meisten Menschen sind nicht dumm. Schon gar nicht, wenn es ums eigene Leben geht. Verlässlich hilft deshalb nur der Zwang. Wer nicht kämpft, wird bestraft. Nicht selten steht auf Fahnenflucht die Todesstrafe.

Wie stark der Drang zu fliehen ist, zeigt die Kriegstaktik vergangener Jahrhunderte. Gekämpft wurde in der Regel in großen Formationen, auf weitläufigem, übersichtlichem Gelände. Außerdem wurden die Soldaten in auffällige Uniformen gesteckt. Wer floh, fiel auf. Wenn nicht sofort, dann nach der Schlacht.

Es ist paradox: Diese Kriegstaktik diente dem Schutz der eigenen Soldaten. Sie wurden so vor ihrem Untergang bewahrt. Denn wenn im Krieg jeder Armeesoldat seinem eigenen Interesse folgt, nämlich dem Interesse zu überleben, wird am Ende die ganze Armee sterben.

Beispiel: Sie sind Soldat in einem früheren Jahrhundert. Sie stehen in einer Schlacht in der ersten Reihe, mit einem Speer in der Hand. Sie werden angegriffen von reitenden Soldaten, die ebenfalls Speere haben und Schwerter. Ihre Lage ist also misslich. Sie können tapfer stehen bleiben und kämpfen, Sie können aber auch fliehen. Was tun?

Vielleicht werden sie überlegen, wie ihre Kameraden handeln werden. Bleiben alle stehen und kämpfen, dann ist es für Sie von Vorteil zu fliehen. Selbst wenn ihre Kameraden dem Ansturm auf Dauer nicht standhalten, haben Sie immerhin bei der Flucht einen Vorsprung. Wenn aber ihre Kameraden ebenfalls fliehen, dann würden Sie ganz alleine gegen die Reiterarmee stehen. Sie würden mit absoluter Sicherheit sterben.

Aus dieser Überlegung entsteht das  Paradox: Egal wie sich ihre Kameraden verhalten, es ist für Sie immer rational zu fliehen. Geht man davon aus, dass sich alle Soldaten rational verhalten, werden alle fliehen. Die Folge: Die reitenden Soldaten werden die fliehenden überrennen und töten. Es wäre also besser, alle würden stehen bleiben und kämpfen. Die Wahrscheinlichkeit zu überleben wäre höher.

Es klingt nicht schön, aber es ist so: Die Todesstrafe auf Fahnenflucht kann dem Selbstschutz dienen. Sie verhindert, dass die rational richtige Entscheidung jedes Einzelnen dazu führt, dass jeder Einzelne am Ende schlechter dasteht.

Das beschriebene Problem existiert nicht nur im Krieg. Es begegnet uns auch im Alltag. Zum Beispiel beim Autofahren. Auf Kreuzungen im Feierabendverkehr. Die Ampel springt von grün auf gelb, auf der Kreuzung stehen bereits Autos, dennoch fährt man weiter. Wenn dann der  Querverkehr Grünlicht bekommt, kann der nicht weiterfahren, da die Straße blockiert ist. Verhalten sich viele so (und es verhalten sich viele so!) kommen alle später nach Hause.

Es wäre besser, keiner würde auf Kreuzungen einfahren, auf denen sich der Verkehr staut. Aber niemand kann für alle entscheiden, jeder nur für sich selbst. Und die schnellste Möglichkeit nach Hause zu kommen, ist eben, auch noch bei Gelblicht auf die Kreuzung zu fahren, selbst wenn man auf ihr stehen bleiben wird.

Um solch individuell rationales, aber kollektiv schädliches Verhalten zu unterbinden, hat die Gesellschaft vielfältige Wege gesucht und gefunden. Moral und Anstand zum Beispiel (es wird an die Rücksicht der Verkehrsteilnehmer appelliert), aber auch Zwang und Strafe (Verbot des Einfahrens auf Kreuzungen bei stockendem Verkehr, StVO §11, Absatz1).

Auch die heutigen Kriegsorganisatoren müssen trotz technischen Fortschritts weiter das Paradoxon beachten. Statt Speeren wird mit Gewehren gekämpft, das Problem ist geblieben. Wer den Feind sieht, wer anlegt, wer zielt, der begibt sich selbst in Gefahr. Er kann gesehen werden. Wenn nicht von dem, auf den er zielt, dann von dessen Kameraden. Vielleicht also wird auf ihn geschossen, bevor er selbst schießt. Soldaten, deren höchstes Ziel das Überleben ist, werden sich lieber in ein Erdloch vergraben und dabei vielleicht ein paar mal in die Luft feuern. Die Statistik sagt: Vierfünftel aller Soldaten benutzen nie ihre Waffen, und wer sie nutzt, zielt oft schlecht. Nur eine von 100.000 Kugeln tötet einen Feind.

——

Dieser Text basiert auf dem Aufsatz „The Economics of War“ des Ökonomen und Rechtswissenschaftlers David Friedman.

Von oekonomie - Geschrieben am 24.02.2010, 16:01

Der Mensch ist faul - und das ist auch gut so. Wäre er es nicht, es würde ihn nicht mehr geben. Denn nur wer faul ist, trennt das Notwendige von dem weniger Notwendigen, erledigt lediglich, was ihm wichtig ist. Arbeit, die nicht zwingend gemacht werden muss, bleibt liegen. Das spart Energie, und die war im überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte extrem rar, denn sie musste mühsam beschafft werden. Das Mittagessen lag nicht mikrowellenfertig im Kühlschrank, sondern war schreckhaft und schnell, oder es hing in Kleinstportionen in der Nähe der Baumwipfel. Wer mit seiner Energie verschwenderisch umging, hatte keine Chance. Nur die Faulen überlebten.

Zwei Millionen Jahre lang hat der Mensch als Jäger und Sammler gelebt. Noch heute ist unser ganzes Wesen von dieser Zeit geprägt. Wir setzen uns in Cafés mit dem Rücken zur Wand, damit uns kein Raubtier von hinten anfällt, wir haben, je älter wir werden, einen zunehmend leichten Schlaf, damit wir den Feind kommen hören - und wir gieren nach Fett und Zucker.

Denn Fett hat mehr als doppelt so viel Energie wie Proteine und Kohlenhydrate. Und Zucker wird von unserem Stoffwechsel zügig in Energie umgewandelt.

Viel Energie, die schnell verfügbar ist - das benötigt der Mensch. Denn wir sind gnadenlose Energieschleudern. Wenn auch sehr intelligente Energieschleudern. Das Gehirn hat den Menschen zur Weltherrschaft geführt. Das Gehirn ist unser Wettbewerbsvorteil im Kampf der Kreaturen. Wir sind schlauer als jedes Tier. Doch die Schlauheit hat ihren Preis. Kein Organ verbraucht mehr Energie als das Gehirn. 20 bis 30 Prozent unseres Gesamtenergiebedarfs beansprucht es.

Daher die Gier nach Fett und Zucker. Sie trieb den Jäger und Sammler an, sich um solch reichhaltige, aber rare Energiespender wie süße Früchte und fettiges Fleisch zu bemühen. Aufwand und Ertrag standen in einem für den Menschen gesunden Verhältnis. Wir waren faul, aber wenn es viel zu holen gab, dann legten wir uns ins Zeug.

Faulheit und Schlauheit haben nicht nur unser Überleben gesichert, sie brachten uns auch den Wohlstand. Warum mühsam den Ackerboden mit der Hand auflockern, wenn es mit der Harke einfacher ist? Wieso stetig auf die Jagd gehen, wenn man Fleisch mit Rauch haltbar machen kann? Wir leben mittlerweile im Schlaraffenland, weil Millionen Menschen Millionen Verbesserungen erfanden.

Deswegen fahren wir heute mit dem Auto zum Drive-In-Schalter und bestellen BigMac mit Pommes und Cola. Oder wir schlurfen ein paar Meter in die Küche um mit Bier und Chips zum Sofa zurückzukehren. 5900 Unternehmen mit zusammen einer halben Million Beschäftigten stellen in Deutschland Tag für Tag Lebensmittel her. Milliarden werden damit verdient, unser Bedürfnis nach Zucker und Fett zu befriedigen - und Milliarden zahlen wir dafür.

Die Krankenkassen beziffern die Kosten, welche durch ernährungsbedingte Folgen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland jährlich verursacht werden auf 70 Milliarden Euro. Zwei von drei Männern und jede zweite Frau sind übergewichtig. Auch die Zahl der übergewichtigen Kinder ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten um 50 Prozent gestiegen.

Gibt es eine Chance, den Trend umzukehren? Wie kann Übergewicht erfolgreich bekämpft werden?

Nur schwer. Die Evolution brachte uns die Zucker- und Fettlust, unsere Schlauheit legt uns Energiebomben jederzeit griffbereit ins Kühlregal, und unsere Faulheit verhindert, dass wir mit Bewegung überschüssige Energie abbauen. Wer Übergewicht reduzieren will, der muss gegen seine eigene Natur kämpfen.

Wir haben dennoch eine Chance. Wir können versuchen, die Natur mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, nämlich mit unseren prächtig entwickelten Gehirnen, unserer Intelligenz also. Denn immerhin besitzen wir das Wissen über die Folgen des heutigen Lebenswandels. Uns ist bekannt, dass uns unsere träge Lebensweise krank macht, dass, wer nur Fast-Food isst, Dauerpatient wird.

Wir wissen das, aber wir verdrängen es gerne. Wir können deshalb dafür sorgen, dass uns dieses Wissen stetig in den Sinn kommt. Zum Beispiel mit gesetzlich verpflichtenden Schriftzügen auf Zigarettenschachteln, wie „Rauchen verursacht Krebs“. Es wird einem damit erschwert, die Zukunft zu ignorieren.

Oder mit der so genannten Ampelkennzeichnung auf Lebensmitteln. Verbraucherschützer, Ärzte und Krankenkassen fordern ein solches farbliches Kennzeichnungssystem, das Lebensmittelinhalte wie Zucker, Salz und Fett mit den Farben rot (hoch), gelb (mittel) und grün (niedrig) angibt.

Freilich, solche Maßnahmen wirken wie Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen. Es ist ein ungleicher Kampf. Der Verstand soll unseren Bauch besiegen. Aber eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Unsere Schlauheit hat uns so viel Wohlstand gebracht, dass wir uns unsere Faulheit nicht mehr leisten können.

Von oekonomie - Geschrieben am 17.02.2010, 15:22

Kinder sind was Wunderbares! So unschuldig. So spontan. Sie leben im Hier und Jetzt. „Gebt den Kindern das Kommando, sie berechnen nicht, was sie tun“, sang Herbert Grönemeyer 1986 in dem Song „Kinder an die Macht“. Ach wie schön wäre das Leben, wenn wir alle wären wie die Kinder!

Ach wirklich?

Kinder sind Egoisten. Sie wollen alles haben. Für sich. Nur für sich. Und zwar sofort. Vertrauen sollte man ihnen besser nicht. Sie missbrauchen es in aller Regel.

Es spricht manches dafür, dass diese zweite Sichtweise der Realität näher ist. Dass das Kind der bessere Homo Oeconomicus ist, in dem Sinne, dass es seinen Nutzen ohne Rücksicht auf Verluste maximiert. Nicht weil Kinder böse wären, sondern weil es ihrer Natur entspricht. Weil sie noch nicht anders können.

Matthias Sutter und Martin Kocher, zwei Ökonomen, die sich der experimentellen Wissenschaft verschrieben haben, lieferten bereits 2006 für letztere Sichtweise einen eindrücklichen Beleg. Und zwar mit dem so genannten Vertrauensspiel, einem Experiment, das folgendermaßen aufgebaut ist: Eine Versuchsperson erhält 10 Euro und kann entscheiden, wie viel sie davon behält und wie viel sie einer zweiten Versuchsperson abgibt. Der abgegebene Betrag wird bei der Übergabe vom Versuchsleiter verdreifacht. Die zweite Versuchsperson kann nun ihrerseits entscheiden, wie viel sie von diesem verdreifachten Betrag der ersten Person zurückgibt. Reicht die erste Versuchsperson beispielsweise das ganze Geld an die zweite Person weiter und teilt diese hälftig, haben beide Teilnehmer am Ende 15 Euro.

Das Experiment ist also derart konstruiert, dass sich beide Versuchspersonen dann besser stellen, wenn sie kooperieren. Allerdings muss die erste Person darauf vertrauen, dass die zweite Person fair handelt.

Sutter und Kocher haben das Experiment mit 662 Versuchspersonen aller Altersgruppen durchgeführt, von 8-jährigen Grundschülern bis zu Rentnern. Ihr Fazit: Das Vertrauen nimmt linear mit dem Lebensalter zu. Die Grundschüler gaben im Schnitt nur 2 Euro ab und bekamen lediglich 66 Cent zurück. Sie machten also einen Verlust von 1,34 Euro. 16-Jährige gaben durchschnittlich 5,46 Euro und bekamen 5,15 Euro zurück. Bei den  Erwachsenen drehte sich das Bild. Ob Studenten, Berufstätige oder Rentner: Sie alle erhielten mehr zurück als sie gegeben hatten. (Am meisten gaben übrigens die Berufstätigen mit 6,58 Euro; sie erhielten im Schnitt 9,03 Euro zurück.)

Das Experiment zeigt: Die Fähigkeit zu vertrauen mag in uns angelegt sein, wir müssen sie dennoch erst lernen. Machen viele diese Erfahrung, lebt es sich in einer Gesellschaft besser. Zum Beispiel im Arbeitsleben: Wer vertraut, braucht keine detaillierten Verträge oder ein ausgeklügeltes Überwachungssystem. Vertrauen spart Aufwand, Zeit und Geld.

Allerdings: Wer vertraut und kooperiert, handelt nicht selbstlos. Seine Motive sind letztlich egoistischer Natur. Denn wird sein Vertrauen nicht missbraucht, erhält er am Ende mehr zurück als er gegeben hat. Woher aber kommt der Altruismus? Warum hat die Evolution einen Charakterzug hervorgebracht, bei dem sich einer zurücknimmt, damit es anderen besser geht? Wo doch, wer sich zurücknimmt und im Extremfall sogar sein Leben opfert, schlechtere Chancen hat, seine Gene weiterzugeben, weshalb es genetisch bedingten Altruismus eigentlich gar nicht geben dürfte.

Gibt es aber. Etwa innerhalb von Familien. Dort ist der Charakterzug offensichtlich vorteilhaft. Eltern verzichten auf ihr eigenes Wohlergehen (kein Urlaub, kein neues Auto, kein entspanntes Leben) und investieren dafür in ihre Kinder (gute Erziehung, teure Ausbildung). Der Altruismus der Eltern sorgt dafür, dass letztlich ihre eigenen Gene weiter bestehen.

Doch altruistisches Verhalten ist nicht alleine auf die Familie beschränkt. Es kommt auch in Gruppen, in der Gesellschaft vor. Warum? Eine mögliche Erklärung: Altruistisches Verhalten bringt eine besonders stabile Form der Kooperation hervor, wodurch die eine Gruppe erfolgreicher wird als die andere. Diese stabile Kooperationsform lässt sich beispielhaft an einer „Zwei-Personen-Gesellschaft“ beschreiben, in der ein Altruist und ein Begünstigter lebt. Der Altruist steigert (quasi per Definition) seinen Nutzen dadurch, dass es dem Begünstigten besser geht. Gibt er also von seinem Vermögen ab, erhöht dies auch seinen eigenen Nutzen. Dem Begünstigten geht es dagegen dann besser, wenn der Altruist mehr hat, denn dann erhält auch er einen größeren Anteil. Beide verfolgen also das gleiche Ziel, nämlich dass es dem Altruisten besser geht. Es gibt folglich keine Konkurrenz innerhalb dieser Gruppe, das Zusammenleben funktioniert reibungslos.

Die stabile Beziehung von Altruisten und Begünstigten kann erklären, warum der Altruismus eine erfolgreiche Lebensform ist und warum Gruppen, in denen Altruisten leben, erfolgreicher sind (schneller wachsen) als andere. Allerdings: Auch das altruistische Gen muss, will es überleben, weitergegeben werden. Der Altruist aber opfert ja gerade seinen eigenen Reproduktionserfolg dem Erfolg der Gruppe.

Gibt es am Ende also keine Altruisten mehr? Nicht zwingend: Denn es konkurrieren zwei Entwicklungen miteinander. Auf der einen Seite werden Altruisten innerhalb einer Gruppe weniger, auf der anderen Seite verdrängen diese schnell wachsenden „Altruisten“-Gruppen, jene Gesellschaften, in denen es wenige oder keine Altruisten gibt. Überwiegt die erste die zweite Entwicklung, überlebt der Altruismus.

Von oekonomie - Geschrieben am 10.02.2010, 14:14

Es gibt Fragen, die erscheinen auf den ersten Blick völlig banal. Zum Beispiel folgende aus der Evolutionsbiologie: Warum werden genauso viele Männchen wie Weibchen geboren? Diese Gleichverteilung scheint uns selbstverständlich. Dabei wäre sie biologisch gesehen gar nicht nötig. Denn ein Männchen genügt, um viele Weibchen zu befruchten.

Warum also ist das Geburtenverhältnis identisch? Die schlichte Antwort: Weil es gar kein anderes Verhältnis geben kann. Weder in der Tierwelt, noch bei den Menschen.

Und zwar deswegen: Man stelle sich eine Situation vor, in welcher eine genetische Veranlagung in der Art vorherrscht, dass mehr Mädchen als Jungen geboren werden. Sagen wir im Verhältnis 2:1 - auf zwei Mädchen kommt ein Junge. Das würde bedeuten: Zwei Jahrzehnte später gibt es doppelt so viele Mütter wie Väter. Da jedes Kind genau einen Vater und eine Mutter hat, müssen Väter zwangsläufig doppelt so viele Kinder haben. Das heißt aber auch, dass Söhne ihren Eltern zweimal so viele Enkelkinder schenken werden wie Töchter.

Fazit: Paare, die Söhne hervorbringen, haben mehr Nachkommen. Das heißt aber auch, dass das Gen, welches mehr männliche Nachkommen erzeugt, sich zunehmend verbreitet. Diese Entwicklung bewirkt einen Angleichungsprozess, weg von der hohen Mädchengeburtenrate hin zum ausgeglichenen Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen.

Die Evolutionsbiologie und die Ökonomie denken in ähnlichen Mustern. In beiden Professionen spielt das Zusammenspiel zwischen dem Einzelnen und der Masse eine entscheidende Rolle. „Der Konflikt zwischen Individualinteresse und Gruppeninteresse ähnelt dem Konflikt zwischen dem Interesse des Gens und dem Interesse der Art“, schreibt Professor David Friedman, Sohn des Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman, in seinem Buch „Der ökonomische Code“.

Der Konflikt zwischen Individual- und Gruppeninteresse existiert auch in der auf freiwilligem Tausch basierenden Marktwirtschaft. Ob beim Kauf einer Butter oder im Erwerbsleben: Tauschgeschäfte kommen nur dann zustande, wenn sie für beide Seiten (Landwirt/Konsument, Arbeitgeber/Arbeitnehmer) von Vorteil sind. Das bedeutet aber auch, dass in einer Marktwirtschaft ein Gruppeninteresse in der Form besteht, so viele Tauschgeschäfte wie möglich abzuschließen. Denn je mehr teilhaben, desto mehr können davon profitieren, desto größer ist der Gesamtnutzen der Gruppe.

Aus diesem Gruppeninteresse heraus entsteht im kapitalistischen System der viel zitierte Leistungsdruck. Wir sollen mehr arbeiten, mehr verdienen, mehr konsumieren. Dann sind wir für andere von Vorteil. Wer sich dagegen zurücklehnt, ausspannt, aussteigt, der hilft nur einem: sich selbst.

Der Konflikt zwischen Gruppen- und Individualinteresse zeigt sich auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen, genauer gesagt in ihrer institutionalisierten Form, der Ehe. In Deutschland ist, wie in vielen anderen Ländern auch, die monogame Zweierbeziehung die einzige vom Staat rechtlich erlaubte Lebensform. Die Vielehe ist gemäß § 1306 BGB verboten und kann mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden (§ 172 StGB).

Warum das Verbot? Wieso stellt man nicht jedem Menschen frei wie er zusammenleben möchte? Warum darf eine Frau nicht mehrere Männer ehelichen (Polyandrie), warum nicht ein Mann mehrere Frauen (Polygynie), warum nicht mehrere Männer und Frauen eine Gruppenehe schließen? Vermutlich weil eine Gesellschaft, die nur die Monogamie erlaubt, konflikfreier lebt. Es geht sich einfach gut aus, wenn bei gleichem Geschlechterverhältnis jede Frau mit genau einem Mann zusammenlebt. Wie weit wäre die Missgunst verbreitet, wenn eine Frau, etwa weil sie gut verdient, sich mehrere Männer leisten könnte? Oder ein Mann, weil er gut aussieht, mehrere Frauen? Wie groß wäre der Neid jener, die keine(n) abgekommen?

Weil nicht sein darf, was nicht sein soll, ist die Vielehe zum Tabu verkommen und wird diskreditiert. Zum Beispiel mit derTheorie von den Entwicklungsstufen: Die Promiskuität sei die Beziehungsform der Ur-Menschen gewesen, danach hätte sich die Gruppenehe entwickelt, darauf sei im Matriarchat die Polyandrie entstanden, gefolgt vom Patriarchat mit der Polygynie, und am Ende - quasi als Krönung der Beziehungsschöpfung - hätte sich die Monogamie heraus gebildet.

Vor allem im 19. Jahrhundert war die Vorstellung von den Entwicklungsstufen weit verbreitet. Mittlerweile weiß man, dass es alle vier Beziehungsformen schon zu frühen Zeiten unter verschiedenen sozialen, ökonomischen und technischen Bedingungen gegeben hat.

Aber wäre nicht gerade die Polygamie in der Form, dass ein Mann mehrere Frauen heiratet, diskriminierend? Würden die durch die Emanzipation erzielten Fortschritte nicht zunichte gemacht? Betrachtet durch die Brille der Ökonomie lautet die Antwort: Nein. Im Gegenteil. Ökonomisch gesprochen steigt bei der Einführung einer solchen Form der Vielehe die „Nachfrage nach Frauen“ und damit „ihr Preis“. Frauen wären gefragter, Männer müssten ihnen mehr bieten: höheren Lebensstandard, besseres Aussehen. Voraussetzung ist freilich immer: Jede(r) kann sich frei für oder gegen eine solche Beziehungsform entscheiden.

Unter dem Missverständnis, dass die Polygynie eine Ausgeburt männlicher Vorherrschaft sei, leidet heute übrigens auch das Ansehen des Propheten Mohammeds. Im Islam ist es nämlich Männern erlaubt, mit mehreren Frauen zusammenzuleben. Waskaum einer bedenkt: Zu Zeiten Mohammeds waren die Völker häufig in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Viele Männer starben. Auf dem Heiratsmarkt gab es folglich einen Frauenüberschuss. Ohne die Lebensform der Polygynie wären viele Frauen ohne Mann und damit ohne Familie geblieben. Teil einer Familie zu sein, aber war überlebenswichtig. Die Familie war damals, was heute die Sozialversicherung abdeckt: Sie pflegte, wer krank wurde, und sicherte ein Auskommen im Alter.

Mit diesem dritten Teil endet die kleine Serie über die „Institution der Ehe“. Teil1 über die “Ökonomie der Ehe” findet sich hier, Teil2 über die “Ökonomie der Scheidung” hier.

Von oekonomie - Geschrieben am 03.02.2010, 13:42

Der Wohlstand macht die Liebe möglich. Vor der Industrialisierung war die Gemeinschaft von Mann und Frau vor allem eine Zweckgemeinschaft gewesen. Ob man heiratete oder ledig blieb, bestimmte die eigene Lebenserwartung. Wer in einer Ehe lebte, wurde bei Krankheit vom Partner gepflegt (Krankenversicherung und Krankenhäuser gab es nicht), und wer Kinder groß zog, konnte sich darauf verlassen, von ihnen versorgt zu werden, wenn im Alter die harte Arbeit auf dem Feld ihren Tribut zollte (eine Rentenversicherung gab es ebenfalls nicht).

Diese Gemeinschaft zu verlassen, war undenkbar, außerhalb der Familie ein Überleben kaum möglich.

Es ist kein Zufall, dass die kulturgeschichtliche Epoche der Romantik mit der Industrialisierung entstand. Die Menschen zogen in Städte und nahmen Arbeiten an, die ihnen (wenn auch im Vergleich zu heute sehr wenig) Freizeit bescherte. Manche verdienten sogar mehr als zum täglichen Überleben nötig war. Gefühl, Leidenschaft, Individualität - die Grundthemen der Romantik konnten erst aus diesem neuen Leben heraus entstehen.

Der Wohlstand macht die Trennung möglich. Noch im Jahr 1900 lag die Scheidungsrate in Deutschland bei 1,9 Prozent. Auf 476.491 Eheschließungen kamen 9.152 Scheidungen. Bis zum Jahr 2000 stieg sie auf 46,4 Prozent. Heute hat sie die 50-Prozent-Marke überschritten.

Der Wohlstand vereint Liebende - und trennt Entliebte. Weil die Nachteile einer Trennung stetig kleiner werden.

Wir sind mobiler geworden und können uns deshalb nach einer Scheidung an einem anderen Ort niederlassen - etwa um dort einen neuen Job zu beginnen. Wir sind reicher geworden und können uns nach einer Trennung zwei Haushalte leisten. Und wir sind freier geworden, weil der technische Fortschritt die Notwendigkeit einer arbeitsteiligen Lebensgemeinschaft weitgehend überflüssig gemacht hat. Denn wir kaufen heute die Marmelade im Supermarkt, anstatt sie selbst herzustellen; wir waschen mit Waschmaschinen und bringen unsere Hemden in die Reinigung, anstatt sie mühsam auf einem Waschbrett zu schrubben; wir versammeln unsere Kinder in Kindertagesstätten, anstatt sich den ganzen Tag selbst um sie zu kümmern.

Die gesellschaftliche Arbeitsteilung hat die Vorteile arbeitsteiliger Familiengemeinschaften weitgehend abgelöst.

Es gibt nicht wenige, die bedauern den Anstieg der Scheidungsraten. Man kann es aber auch anders sehen: Je reicher wir werden, desto stärker gibt es nur einen einzigen relevanten Grund in einer Lebensgemeinschaft zu bleiben: die Liebe.

Ganz stimmt das allerdings nicht. Auch heute noch ist es nicht immer die Liebe, die zusammen hält. Paare können auch aus anderen Gründen von ihrer Beziehung profitieren. In der Warenwelt kennt man das Phänomen der komplementären Güter. Solche Produkte stehen nicht in Konkurrenz zueinander, im Gegenteil, sie ergänzen sich. Steigt die Nachfrage nach dem einen Gut, nimmt auch die Nachfrage nach dem anderen zu. Nur gemeinsam haben solche Güter einen hohen Wert. Hillary und Bill Clinton sind das Paradebeispiel für eine komplementäre Beziehung. Bill konnte nur mit einer vorzeigbaren Frau Präsident werden, Hillary wäre heute nicht Außenministerin, hätte sie sich nach der Lewinsky-Affäre von ihrem Mann scheiden lassen.

Hilary Clinton übrigens ist in gewisser Weise untypisch. Frauen nämlich sind es, die in der Mehrzahl auf die Scheidung drängen: In Deutschland wurden 2008 von den 104.000 Scheidungsanträgen 54,2 Prozent von Frauen eingereicht, nur 37,2 Prozent von Männern. (In den übrigen Fällen beantragten beide Ehegatten die Scheidung.) Und eine ökonomische Studie der Universität Melbourne zeigt, dass Trennungen sogar vorhersehbar sind: Immer dann, wenn die Frau in der Beziehung unglücklicher ist als der Mann, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Scheidung bevorsteht.

Dieser Text über die „Ökonomie der Scheidung“ ist der zweite von drei Artikeln über die Institution der Ehe. Nächste Woche: „Polygamie und Wohlstand“. Den ersten Artikel können Sie hier nachlesen.

Von oekonomie - Geschrieben am 27.01.2010, 18:46

Ökonomen fallen auf Hochzeiten manchmal unangenehm auf. Wenn sie ihre Gedanken nicht für sich behalten können. Die gute Stimmung auf der Feier kann dann schnell in den Keller rauschen. Denn manche Ökonomen neigen dazu, in allem einen Markt zu sehen. Nicht nur Börsen oder der Austausch von Waren finden ihr Interesse, sondern das menschliche Zusammenleben im Allgemeinen.

Das Liebesleben ist eine besondere Herausforderung für diese Ökonomen. Weil dort auf den ersten Blick kein Markt zu sehen ist, keine rational handelnden Akteure. Weil bei der Liebe doch vermeintlich die Emotionen überwiegen, die Liebe den Verstand ausschaltet. Aber diese Ökonomen lassen gerne die Luft aus schmachtenden Worten und geseufzten Versprechen. Sie sehen im Menschen den abwägenden Rationalisten, der jede Entscheidung zu seinem Vorteil trifft. Der aber dabei auch Verluste in Kauf nehmen muss, weil wer das eine tut, oft das andere lassen muss.

Opportunitätskosten nennen Ökonomen dies, wenn einem was entgeht, weil man sich für etwas anderes entschieden hat.

Sie, der Sie gerade hier lesen, könnten stattdessen die welken Blumen im Wohnzimmer gießen, mit der Büroarbeit beginnen oder aus dem Zugfenster schauen und die vorbeirauschende Landschaft beobachten. Sie haben sich aber dafür entschieden, diesen Text zu lesen. Das erhöht ihre Opportunitätskosten, mit jeder Textzeile.

Freilich, man muss so nicht denken. Ökonomen denken so.

Treffen sich zwei Volkswirte auf der Straße. Fragt der eine: „Wie geht es deiner Frau?“ Antwortet der andere: „Im Verhältnis zu wem?“ Das soll ein Witz sein. Aber eigentlich ist es keiner. Solche Ökonomen jedenfalls sehen auf Hochzeiten nicht ein selig zum Altar schreitendes Brautpaar, sondern zwei zufriedene Menschen, die genug davon haben, nach einem/einer Besseren Ausschau zu halten.  Sie hören kaum zu, wenn die Findungsgeschichte der beiden Liebenden erzählt wird, welche vermeintlichen Zufälle geschehen mussten, damit das Paar letztlich zusammen kam, ja zusammenkommen musste, weil sie ganz offensichtlich füreinander bestimmt sind.

Für diese Ökonomen ist die Seelenverwandtschaftsgeschichte schlicht Selbstbetrug, der verschleiert, dass auch vor dieser Hochzeitsfeier die Brautleute die Vor- und Nachteile einer Eheschließung genauestens abgewogen haben, und zwar jeder für sich, ganz im Stillen. Und vielleicht hat gar nicht viel gefehlt und der Konditor hätte eine Hochzeitstorte weniger verkauft.

Wie gesagt, diese Ökonomen hören bei der Geschichte kaum zu. Sie wundern sich derweil vielmehr, wie es möglich ist, dass gerade jener Tag zum Freudenfest ausgerufen wird, an dem zwei Menschen einen Vertrag unterschreiben, der die Dinge für den Fall regelt, dass sie sich einmal nicht mehr lieben werden, dass sie sich vielleicht sogar hassen, zumindest keine Lust mehr auf ein weiteres Zusammenleben haben - vielleicht weil einem der beiden doch noch jemand Besseres über den Weg gelaufen ist.

Die ökonomische Betrachtung des Liebeslebens beginnt nicht erst bei der Hochzeit. Die Partnersuche ist ein weites Forschungsfeld. So haben zum Beispiel drei Wissenschaftler die Lebensläufe von 21.840 Dänen untersucht und festgestellt, dass der Beziehungsstatus den Lebensraum vorgibt: Dänische Singles zieht es in Städte wie Aarhus oder Kopenhagen, wer verheiratet ist, geht zurück aufs Land.

Der Mensch ist eben auch bei der Partnersuche ganz Ökonom: In der Stadt sind die „Suchkosten“ wegen des großen Angebots möglicher Partner erheblich geringer. Die Stadt als perfekter Heiratsmarkt.

Und wie lange suchen wir? Wann und warum entscheiden wir, nun bei einem Partner zu bleiben, vielleicht mit ihm Kinder zu bekommen, mit ihm alt zu werden. „Na, bis der/die Richtige gekommen ist“, sagen die Seelenverwandtschaftsanhänger. „Bis die Kosten der weiteren Suche den möglichen Zugewinn durch einen noch besseren Partner aufwiegen”, ökonomisiert der Ökonom.

Aber woher soll man wissen, was an „möglichen Zugewinnen“ noch kommen wird? Mit der 37-Prozent-Regel der Wahrscheinlichkeitsrechnung! Wer die ersten 37 Prozent der zur Verfügung stehenden Partner testet und danach den ersten nimmt, der besser ist als die zuvor getesteten, erwischt mit hoher Wahrscheinlichkeit den besten oder zweitbesten.

Aber man kennt doch nie alle möglichen Partner? Also weiß man auch nicht, wie viele man testen soll. Das stimmt. Hier hilft die Empirie. Sie rät: Testen sie zwölf potenzielle Partner!

Und danach wird geheiratet? Genau! Warum gleich noch mal? Ach ja, wegen der Liebe. Oder wegen des Vertrags. Vielleicht sind Ökonomen auf Hochzeiten auch deswegen nicht so gern gesehen, weil sie dort tendenziell missmutig sind. Denn ökonomisch gesehen ist die Ehe eine Katastrophe. Zumindest auf den ersten Blick. Denn die Ehe schließt jeden Wettbewerb aus. Man käme nie auf die Idee, in einem Geschäft einen Vertrag zu unterschreiben, der verpflichtet, den Rest des Lebens nur noch dort einzukaufen. Beim Ehevertrag macht man dies. Dass auch andere Mütter schöne Töchter und Söhne haben, soll in Zukunft ignoriert werden. Man marschiert freiwillig ins Monopol der Ehe hinein. Warum? Weil auch Eheleute Ökonomen sind! Eine solche freiwillige Selbstbeschränkung hat nämlich zwei Vorteile:

  1. Das Versprechen sich nicht zu trennen, fördert den Aufbau partnerspezifischer Investitionen. Man gibt sich Mühe, den anderen kennen zu lernen, richtet vielleicht eine gemeinsame Wohnung ein, bekommt ein Kind. Die durch einen Ehevertrag geschaffene höhere Sicherheit des Zusammenbleibens, macht solche Investitionen lohnenswerter. Im Arbeitsleben, wo solche Bindungsverträge verboten sind, entsteht das „hold up“-Problem: Bildungsinvestitionen bleiben aus, wenn der Arbeitgeber fürchten muss, dass sich seine Angestellten mit dem neu erworbenen Wissen aus dem Staub machen und bei der Konkurrenz anheuern.
  2. Der Vertrag trennt die „guten“ von den „schlechten“ Partnern. Die Ehe selektiert. Wer es nicht ernst meint, wer sich nicht langfristig binden will, wird nicht heiraten, zumindest dann nicht, wenn ihm eine Trennung teuer zu stehen kommt. Eine Heirat ist also der ultimative Test, ob die Liebesschwüre heiße Luft sind oder der Partner wirklich bereit ist, den Worten Taten folgen zu lassen. Man könnte auch sagen: Wer heiratet, der traut dem Partner nicht, der will auf Nummer sicher gehen. Aber so was sagen nur Ökonomen.

Was Ökonomen übrigens auch sagen: Heiraten Sie! Unbedingt! Denn auch das haben Ökonomen herausgefunden: Wer heiratet, wird im Vergleich zu Singles glücklicher, reicher und bleibt gesünder.

Von oekonomie - Geschrieben am 20.01.2010, 13:58

Als John Maynard Keynes einmal das Geschehen an der Börse erklären sollte, warum dort regelmäßig Spekulationsblasen entstehen, da beschrieb der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts diese Übertreibungen mit der  Geschichte vom Seite-1-Mädchen.

Die Leser einer Boulevardzeitung waren aufgefordert worden das schönste Pin-Up-Girl zu küren. Jeder Einsender konnte eine Stimme abgeben. Am Ende sollte unter denjenigen, welche die Siegerin angegeben hatten, ein Preis ausgelost werden. Was passierte? Die Teilnehmer urteilten nicht nach ihrem Geschmack, sondern danach, was sie glaubten, was der Mehrheit gefällt. Nur so hatte man ja eine Chance auf den Preis. Das Ergebnis: Es gewann nicht das attraktivste Model, sondern jenes, von der die meisten glaubten, dass es die meisten für besonders attraktiv halten.

Ganz schön vertrackt also. Wie an der Börse eben.

Dort kaufen die Händler auch nicht jene Wertpapiere, die sie selbst für am gewinnträchtigsten halten, sondern jene, von denen sie glauben, dass sie bald von vielen gekauft werden. Denn nur dann wird der Preis des Wertpapiers steigen, nur dann lassen sich hohe Gewinne einstreichen.

Ein solcher Herdentrieb hatte die aktuelle Weltwirtschaftskrise ausgelöst, nämlich in Form von Spekulationen am amerikanischen Immobilienmarkt. Und es ist die US-Notenbank „Federal Reserve“ (Fed), die scharf dafür kritisiert wird, dem Treiben nicht frühzeitig entgegengewirkt zu haben. Die Notenbanker glaubten, die Situation im Griff zu haben.

Es hatte ja schon einmal funktioniert: beim Platzen der New-Economy-Blase im Frühjahr 2000. Unter Alan Greenspan senkte die Fed damals die Zinsen drastisch. Geld wurde billig, Kredite günstig, eine Konjunkturkrise vermieden. Oder genauer gesagt: verschoben. Denn das billige Geld wollte erneut angelegt werden. Es entstanden neue Blasen.

Die Situation vor der aktuellen Krise aber hatte sich verschärft. Der Spielraum der Fed war im Vergleich zum Jahr 2000 geringer geworden. Die expansive Geldpolitik der Vorjahre hatte das Weltzinsniveau kontinuierlich nach unten gedrückt. Drastische Zinssenkungen zur Belebung der Konjunktur waren nicht mehr möglich.

Mittlerweile ist das Pulver ganz verschossen. Der so genannte Leitzins der Fed liegt zwischen 0 und 0,25 Prozent. Die Eigentümer der Dollarnoten verschenken ihr Geld.

Wie es so weit kommen konnte? Die Fed verfolgt neben dem Ziel der Preisniveaustabilität ein weiteres, nämlich die Stützung der Konjunktur. Dabei entstehen regelmäßig Zielkonflikte: Billiges Geld kann kurzfristig der Konjunktur helfen, aber langfristig zu Inflation führen.

Hinzu kommt: Die Methode, mit der die Fed versucht das Preisniveau zu beeinflussen, ist umstritten. Die Notenbank sympathisiert mit dem so genannten Inflation Targeting. Dabei geben verschiedene Wirtschaftsindikatoren der Fed Hinweise auf Preisniveau-Änderungen. Aufgrund dieses Indikatorenbündels hebt oder senkt die US-amerikanische Notenbank ihren Leitzins.

Der Fed wird nun vorgeworfen, bei der Beobachtung diverser Wirtschaftsindikatoren die Preisentwicklung auf Vermögensmärkten - wie dem Immobilienmarkt - unterschätzt zu haben. Die Tatsache, dass trotz billigen Geldes die Kosumentenpreise weitgehend stabil geblieben waren, wurde als ausreichendes Indiz für die Stabilität der Volkswirtschaft gesehen. Das war ein Irrtum.

Was die Fed falsch, das hat die Europäische Zentralbank (EZB) richtig gemacht. Die Notenbank für den Euro ist, im Gegensatz zur US-amerikanische Notenbank, vorrangig dem Ziel der Geldwertstabilität verpflichtet. Für sie ist es deshalb einfacher, sich einer expansiven Geldpolitik zur vermeintlichen Rettung der Konjunktur zu verweigern. Zudem erlebt aktuell die von vielen bereits als altmodisch abgestempelte so genannte Geldmengensteuerung der EZB eine Renaissance.

Anders als beim Inflation Targeting wird bei der Geldmengensteuerung zunächst ein Zwischenziel formuliert, nämlich ein Geldmengenziel. Die Geldmenge lässt sich, anders als das Preisniveau, von der Notenbank relativ zuverlässig steuern. Und die Geldmenge wiederum wirkt sich recht konkret auf das Preisniveau aus.

Der Vorteil einer solchen Zwischenschritt-Lösung: Sie erhöht die Nachvollziehbarkeit der Geldpolitik. Denn während beim Inflation Targeting im Grunde jede Leitzinsentscheidung mit der Veränderung einer der Indikatoren begründet werden kann, bindet sich beim Zwischenziel „Geldmenge“ eine Notenbank bei ihren Entscheidungen wesentlich an diesen einen Indikator.

Das Vertrauen in eine inflationsfreie Geldpolitik aber ist die wichtigste Voraussetzung für ein stabiles Preisniveau. Denn beim Geld herrscht das Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wer Inflation erwartet, der wird die Preise seiner Produkte frühzeitig anpassen, der wird bei Lohnverhandlungen einen Inflationsausgleich fordern, der wird die Miete erhöhen. Am Ende steigt das Preisniveau tatsächlich, aber nicht aufgrund der Geldpolitik, sondern wegen der Erwartungen der Menschen.

Die EZB hat solchen Erwartungen durch ihre umsichtige Politik bisher erfolgreich entgegen gewirkt. Allerdings: Noch ist die Wirtschaftskrise nicht vorüber. Auch die EZB hat das Geld drastisch verbilligt. Der Leitzins liegt aktuell bei einem Prozent. Das Jahr 2010 könnte zur größten Herausforderung der Europäischen Zentralbank werden. Die Frage ist nämlich: Wann ist der Zeitpunkt gekommen, die aktuell lockere Geldpolitik zu beenden? Je länger die EZB-Banker in Frankfurt warten, desto größer werden die Inflationsrisiken und die Gefahren neuer Spekulationsblasen. Erhöhen sie den Leitzins dagegen zu früh, kann dies den beginnenden Aufschwung abwürgen.

Doch das Vertrauen, dass die EZB den richtigen Zeitpunkt findet, ist groß. Denn der Euroraum hat sich bewährt.

  • Die Euro-Preise sind seit über zehn Jahren stabiler als sie zu DM-Zeiten je waren.
  • Der durch die Euro-Einführung bedingte Wegfall von Wechselkursschwankungen innerhalb sowie größere Wechselkursstabilität gegenüber Dollar und Yen außerhalb Europas haben den deutschen Exportfirmen Planungssicherheit gegeben.
  • Die ersten Studien zu den Folgen der Weltwirtschaftskrise zeigen, dass vor allem kleine Euroländer von der Währung profitiert haben. So waren beispielsweise die bereits zur Währungsunion beigetretenen Länder Slowenien und Slowakei weniger Turbulenzen ausgesetzt als ihre Nachbarn mit eigener Währung.
  • Es gibt Indizien, die für eine stabilisierende Wirkung des Euros auf die Staatsfinanzen sprechen. Denn je mehr Länder beim Euro mitmachen, desto weniger Druck kann eine einzelne Regierung auf die EZB ausüben. Eine inflationäre Geldpolitik zur Reduzierung der realen Schulden eines Landes wird somit unwahrscheinlich. Dies könnte eine disziplinierende Wirkung auf die Politik haben.

Der starke Euro kratzt somit immer stärker an der ehemaligen alleinigen Leitwährung Dollar, dessen Aufstieg 1944 in dem kleinen amerikanischen Dörfchen Bretton Woods seinen Anfang nahm. Prominenter Teilnehmer damals: John Maynard Keynes. Keynes war  Verhandlungsführer für England und es galt in Bretton Woods ein Weltwährungssystem für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden. Keynes plädierte für eine liberale Lösung: Verbot aller Zölle und flexible Wechselkurse.

Doch so kam es nicht. Es setzte sich die aufstrebende Wirtschaftsmacht USA durch. Eingeführt wurde der so genannter Gold-Devisen-Standard, bei dem der Dollar das wichtigste Reservemedium wurde, denn nur für den Dollar gab es eine Einlöseverpflichtung in Gold. Alle anderen Währungen banden sich mit festem Wechselkurs an den Dollar.

Die USA war damit das einzige Land geworden, dass de facto selbst Liquidität durch Drucken neuer Dollarnoten schaffen konnte, wovon sie später zur Finanzierung des Vietnamkrieges auch reichlich Gebrauch machte, was das System letztlich auch zu Grunde richtete. Keynes, der 1946 starb, wäre darüber nicht erstaunt gewesen.

Keynes hatte, so schreibt Gerald Braunberger in seinem Buch „Keynes für jedermann - Die Renaissance des Krisenökonomen“  den USA von vornherein nicht zugetraut, die Führungsrolle verantwortungsbewusst wahrzunehmen. “Die Amerikaner haben keine Vorstellung von internationaler Kooperation”, schrieb er seinem Lieblingsschüler Richard Kahn. “Da sie die stärksten Partner sind, glauben sie, sie haben das Recht, in allen Punkten den Ton anzugeben. Wenn sie die Musik kennten, wäre das nicht so schlimm, aber leider haben sie keine Ahnung von der Musik.”

Von oekonomie - Geschrieben am 13.01.2010, 12:06

Er stammt aus einer reichen Bankiersfamilie, hatte in London studiert und dort in einer schicken Gegend gewohnt: Der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab, der am 25. Dezember bei Detroit ein Flugzeug zum Absturz bringen wollte, passt nur zum Teil in das vermeintliche Profil eines Attentäters. Er ist jung und männlich, aber auch gebildet und reich.

Selbstmordattentäter haben nichts zu verlieren, stammen aus ärmlichen Verhältnissen, ihnen fehlt der Zugang zu Bildung und sie sind daher für Manipulationen, wie etwa fanatisch-religiöse Ansichten, empfänglich. - So klingt eine Klischee-Vorstellung über Selbstmordattentäter. Wenig bis nichts davon stimmt.

Dabei sind diese Vorstellungen naheliegend, auch ökonomisch gesehen. Denn der Mensch wägt bei seinem Handeln stets Kosten und Nutzen ab. Wer wenig zu verlieren hat, ist eher bereit sein Leben zu geben, so die simple Logik. Und wer ungebildet ist, der ist verführbar, zum Beispiel indem er sich einreden lässt, dass er für seinen Tod im ewigen Leben reichlich belohnt werde. Aber die Logik des wirklichen Lebens ist offensichtlich weniger simpel.

Der Ökonomie-Professor Alan B. Krueger hat es bereits 2003 zusammen mit der Orientalistin Jitka Malečková im „Journal of Economic Perspectives“ nachgewiesen: Terroristen sind in der Regel besser ausgebildet und kommen aus wohlhabenderen Schichten als der Durchschnitt der Bevölkerung, so das Fazit ihres Artikels „Education, Poverty and Terrorism: Is There a Causal Connection?“.

Und der Ökonom Claude Berrebi wertete die Biographien von 285 palästinensischen Selbstmordattentätern aus. Mit dem gleichen Ergebnis: Die Männer hatten häufig eine Hochschule besucht und kamen aus Familien mit  überdurchschnittlichem Einkommen.

Im australischen Adelaide führt die Flinders-Univeristät die nach eigenen Angaben weltweit umfangreichste Datenbank über Terrorismus. Zwischen 1981 und 2006 gab es demnach rund um den Globus 1200 Selbstmordattentate bei denen 14.599 Menschen ums Leben kamen. Die Auswertung der Daten ließen einen interessanten Rückschluss zu, meint der emeritierte Professor Riaz Hassan von der dortigen Hochschule: „Es sind weniger religiöse als vielmehr politische Motive, warum sich Terroristen in die Luft sprengen.“

Die Religion helfe bei der Rekrutierung potenzieller Attentäter, so der Soziologe, aber die Motivation für die Tat hätte letztlich andere Ursprünge. Neben politischen Motiven fühlten sich die Täter häufig gedemütigt und folgten dem Wunsch nach Rache und Vergeltung. Außerdem sei die Tat eine Form von Altruismus: “Selbstmordattentäter fallen in die Kategorie der altruistischen Selbstmorde, weil sie den Wert ihres eigenen Lebens geringer schätzen als die Ehre einer Gruppe, einer Religion oder anderer kollektiver Interessen”, so Riaz Hassan.

Falsch sei außerdem die Vorstellung, die Täter handelten nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte: “Der Grund für Selbstmordanschläge liegt nicht im Bereich individueller Pathologie als vielmehr in den sozialen Bedingungen.”

Vor allem die Demütigung sei ein starkes Motiv für Selbstmordanschläge. Hassan: „Der Mensch hat eine starke Abneigung gegen alles, was er als ungerecht empfindet.“ Dieses Gerechtigkeitsempfinden habe eine dunkle Gegenseite: die Rache. So sei es zum Beispiel zu einem rasanten Anstieg von Selbstmordattentaten im Irak gekommen, nachdem im Jahr 2004 Berichte über Folterungen von irakischen Gefangenen durch amerikanische Soldaten im Gefängnis Abu Ghraib bekannt geworden waren.

Wenn aber Selbstmordattentäter nicht aus ärmlichen Verhältnissen kommen, hilft die Verbesserung des Lebensstandards, zum Beispiel durch Entwicklungshilfe, kaum. Wenn die Motivation der Attentäter, weniger dem religiösen Fundamentalismus entspringt, bringt eine Verurteilung und Bekämpfung dieser Anschauungen nichts, ist vielleicht sogar kontraproduktiv. Wenn aber weder wirtschaftlicher Fortschritt, noch politischer und militärischer Druck helfen, was dann? Wie muss eine Politik aussehen, die als oberstes Ziel hat, ihre Bevölkerung vor Anschlägen zu schützen? Es brauche Strategien zur Eliminierung solcher kollektiver Missstände, die zu Demütigungen und dem Wunsch nach Rache führten, ist Hassan überzeugt. Nur so könne den Selbstmordattentaten der Nährboden entzogen werden.

Loretta Napoloeoni beschreibt diesen Nährboden in ihrem Buch „Ökonomie des Terrors“ (hier eine Leseprobe). Sie füllt die Theorie mit Erlebtem. Napoloeoni erzählt wie hunderttausende Flüchtlinge aus Palästina im Süden Beiruts, in einer Barackenstadt, auf dem so genannten Elendshügel leben. Die ungepflasterten Straßen seien weder beschildert noch beleuchtet, ein Netz von Stromkabeln spanne sich über die unfertigen Häuser, heruntergekommenen Gebäude und gewundenen Gassen - eine Siedlung, die sich über 28 Kilometer erstrecke.

In einem bescheidenen Häuschen sieht der vierjährige Mohammad mit seiner kleinen Schwester ein Video: Vor einer öden Landschaft ist eine Häuserreihe zu sehen - eine Momentaufnahme, die einen beliebigen Ort der Dritten Welt zeigen könnte. Plötzlich sieht man eine Explosion, die das ganze Bild füllt. Als wäre ein riesiger Feuerwerkskörper gezündet worden, schießen Flammen in die Höhe, Schutt und Stahlteile fliegen durch die Luft. Voller Erregung springt der Junge auf und ruft: ‚Mein Papa, mein Papa!‘

Salah Ghandur, Mohammads Vater, war ein Selbstmordattentäter. Am 25. Mai 1995 griff er einen israelischen Konvoi an und jagte sich mit 450 Kilogramm Sprengstoff in die Luft; zwölf israelische Soldaten starben mit ihm. Der Sohn, die Frau, die ganze Familie ist stolz auf Salah Ghandur. In diesem tödlichen Konflikt, so Napoloeoni, sei der Märtyrertod das höchste moralische Ziel, das die Flüchtlinge erreichen könnten. Der Tod stelle die Würde wieder her, „die sie mit dem Land und der daran gebundenen politischen Identität verloren haben.“

Von oekonomie - Geschrieben am 05.01.2010, 18:11

Die Katastrophe ist ausgeblieben. Vorerst zumindest. Die Schweinegrippe-Welle ebbt ab: Waren Mitte November noch innerhalb einer Woche 47.000 Neuerkrankungen gemeldet worden, sind es laut Robert-Koch-Institut in der zweiten Dezember-Woche keine 7000 mehr gewesen.

Gegen die Schweinegrippe impfen ließen sich bisher die Wenigsten: nach Schätzung des Paul-Ehrlich-Instituts nur fünf bis sieben Millionen. Möglich ist deshalb, dass das Schlimmste noch nicht überstanden ist. Pandemien verlaufen in Wellen. Die Fasnachtszeit könnte eine zweite Welle auslösen. “Bei solchen Festen ist die Ansteckungsgefahr besonders hoch”, sagt Gesa Krüger vom hessischen Gesundheitsministerium.

Auch bei anderen Krankheiten beklagen Mediziner eine nachlassende Impfbereitschaft. So haben nach Angaben der Ständigen Impfkommission (Stiko) nur noch drei von zehn Deutschen eine ausreichende Immunisierung gegen Kinderlähmung (Polio-Impfung), eine Krankheit, die seit 2002 in Europa als ausgerottet gilt, die aber wegen der Impfmüdigkeit ein schauriges Comeback erleben könnte.

Impfungen laufen Gefahr, Opfer ihres eigenen Erfolges zu werden. Da Erkrankungen ausbleiben, glauben immer weniger Menschen an die Notwendigkeit des Impfens. In den Mittelpunkt rücken stattdessen die Folgen des Impfens selbst. Die Zahl der Impfskeptiker in Deutschland wird auf acht Millionen geschätzt. Sie machen die Impfungen beispielsweise für die Zunahme allergischer Erkrankungen verantwortlich.

Andere sehen in den Impfgegnern schlicht Trittbrettfahrer. Tatsächlich profitieren Nicht-Geimpfte von Geimpften. Ökonomisch betrachtet entstehen bei einer Impfung nämlich so genannte positive externe Effekte. Darunter versteht man die positive Auswirkung einer Entscheidung auf vermeintlich Unbeteiligte.

Ein klassisches Beispiel für einen positiven externen Effekt: Die Bienen des Bienenzüchters im Garten von A bestäuben auch den Apfelbaum im Garten von B, der dadurch einer reichen Apfelernte entgegensehen kann. B profitiert, obwohl A dies gar nicht in seine Überlegung einbezogen hat.

Eventuell könnte aber die Apfelernte noch üppiger ausfallen, dann nämlich, wenn A mehr Bienen hätte. Doch eine Erweiterung der Bienenzucht bleibt so lange aus, wie B und A nicht ins Geschäft kommen und B an A Geld im Tausch für mehr Bienen zahlt.

Bei positiven externen Effekten kann es zu so genanntem Marktversagen kommen, und zwar in der Form, dass der Output zu niedrig ist. So verhält es sich auch bei der Impfung, weil eben die Impfung des Einen, auch dem Nicht-Geimpften hilft, und zwar in der Form, dass seine Wahrscheinlichkeit zu erkranken, ebenfalls abnimmt, da der Geimpfte ihn nicht anstecken kann. Die positiven externen Effekte verringern also den Anreiz, sich selbst impfen zu lassen. Im Ergebnis fällt die Impfquote zu niedrig aus.

Um ein solches Trittbrettfahrer-Verhalten zu verhindern, fordern Ärzte die Einführung der Impfpflicht, wie sie beispielsweise in der Bundesrepublik bis 1982 für die Pocken-Impfung galt. (Eingeführt wurde die Pflichtimpfung gegen Pocken übrigens am 8. April 1874.) So fordert der Deutsche Ärztetag etwa eine Pflichtimpfung gegen Masern.

Eine solche Pflichtimpfung ist aktuell nur bei der Gefahr einer Epidemie möglich. In §20 des im Jahr 2000 in Kraft getretenen deutschen Infektionsschutzgesetzes heißt es:

„Das Bundesministerium für Gesundheit wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates anzuordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen oder anderen Maßnahmen der spezifischen Prophylaxe teilzunehmen haben, wenn eine übertragbare Krankheit mit klinisch schweren Verlaufsformen auftritt und mit ihrer epidemischen Verbreitung zu rechnen ist.“

Das bedeutet aber umgekehrt: Nur im Falle einer Epidemie darf die Entscheidungsfreiheit jedes Einzelnen beschnitten werden. Das Selbstbestimmungsrecht wird mittlerweile höher bewertet als der Gesundheitsschutz der Gesellschaft. Was bleibt, ist ein Dilemma: Das Gut „Gesundheit“ geht auf Kosten des Gutes „Freiheit“.

Doch das Dilemma könnte gelöst werden. Die Ökonomik weist einen Ausweg. Analog zum Bienenzüchter-Beispiel könnte der Staat das Marktversagen korrigieren, indem er durch finanzielle oder andere Anreize die Impfbereitschaft fördert. Die Folge: Die Impfquoten würden steigen, gleichzeitig aber würde die Entscheidungsfreiheit der Impfgegner respektiert - sie hätten lediglich weniger Geld in der Tasche.

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